Am 18. November 2025 veranstalteten wir ein Live-Webinar mit dem Titel „IT Services in the AI era“. Das Webinar wurde von Marcin Majewski, Managing Director, und Filip Drazdou, M&A Director, präsentiert.
Sie können sich die vollständige Webinar-Aufzeichnung jetzt unten ansehen. Wenn Sie die in der Sitzung verwendeten Präsentationsunterlagen herunterladen möchten, können Sie das ganz einfach tun, indem Sie auf den Button zum Herunterladen des Berichts links klicken (wenn Sie einen Computer nutzen) oder ganz ans Ende scrollen (wenn Sie ein Smartphone nutzen).
Im Folgenden finden Sie das vollständige Transkript der Diskussion, das aus Gründen der Klarheit, des Leseflusses und der Kürze redigiert oder paraphrasiert wurde.
Marcin eröffnete die Session mit dem Hinweis, wie rasch sich die Landschaft der IT-Services wandelt, besonders mit dem Aufstieg der KI.
Auf der Agenda der Session standen:
- Wie KI die Bewertungen von IT-Services neu gestaltet
- Vorreiter vs. Nachzügler im KI-Zeitalter: IT-Services-Segmente
- Wie man KI-Kompetenzen in IT-Services-Unternehmen aufbaut
- Was Käufer wollen: KI-Reife bei IT-Services-Deals
- Wenn KI anfängt, Code zu schreiben: Die neue Rolle des Entwicklers
Marcin Majewski:
Guten Tag, guten Morgen und guten Abend an alle, die heute dabei sind. Willkommen zu unserem Webinar über IT Services in the AI Era. An meiner Seite ist Filip. Für alle, die uns noch nicht kennen: Wir sind Aventis Advisors, eine M&A-Boutique mit Fokus auf IT-Services und Software.
Wir haben diese Session ins Leben gerufen, weil wir genau verfolgen, wie KI den IT-Services-Sektor prägt. Nach mehreren Wochen der Vorbereitung haben wir ein klareres Bild davon, was geschieht, auch wenn sich die Landschaft weiterhin rasch verändert. Was wir heute mit Ihnen teilen, dürfte Ihnen ein besseres Gespür dafür geben, wie Sie Ihr Unternehmen voranbringen, sei es beim Wachstum, bei Investitionen oder bei der Vorbereitung eines Exits.
Wie KI die Bewertungen von IT-Services beeinflusst
Filip Drazdou: Gehen wir die heutige Agenda durch. Wir schauen uns an, wie KI die Bewertungen beeinflusst, was an den öffentlichen Märkten passiert, welche Trends sich abzeichnen und wer die Gewinner und Verlierer sind. Außerdem sprechen wir darüber, was der Aufbau von KI-Kompetenzen erfordert und wonach Käufer suchen. Zum Schluss öffnen wir die Runde für eine Diskussion über die Zukunft der KI beim Programmieren und die sich wandelnde Rolle der Entwickler.
Beginnen wir mit einer unserer Standardfolien. Sie zeigt die Entwicklung des NASDAQ 100 über die letzten zehn Jahre, daneben einen von uns geführten Index globaler IT-Services-Unternehmen.
Marcin Majewski:
Blickt man auf diesen Verlauf, so hält sich der IT-Services-Sektor recht gut. Der NASDAQ holt auf, angetrieben vor allem von den „Magnificent Seven“ und dem breiteren KI-Trend, den manche als Blase bezeichnen. Ob das die IT-Services trifft, falls oder wenn sie platzt, wird sich zeigen, doch bislang sieht es gut aus.
Filip Drazdou:
Als wir die Bewertungen vor einem Jahr betrachteten, wurden einige Unternehmen zum 25- bis 30-Fachen des EBITDA gehandelt, ein sehr hohes Niveau. In den privaten Märkten schlug sich das nicht nieder, also wussten wir, dass eine Korrektur bevorstand. Und sie kam. Unternehmen wie EPAM, Endava und Globant haben deutlich nachgegeben, vor allem im Software-Outsourcing. Einige schreiben inzwischen negative Ergebnisse.
Ein solches Umfeld zieht durchaus bestimmte Investoren an, nämlich jene, die auf Turnaround-Geschichten setzen. Mit diesen niedrigeren Bewertungen sind wir nun also vermutlich näher am Boden als noch vor einigen Monaten.
IT-Services: Gewinner und Verlierer im Zeitalter der KI
Filip Drazdou:
Wir haben 187 Unternehmen in unserem Index analysiert, um zu sehen, wem es gut geht und wem nicht. Auf der Gewinnerseite fanden sich Unternehmen mit Fokus auf Raumfahrt, Verteidigung und Cybersecurity, also Nischen, die derzeit Aufmerksamkeit und Kapital anziehen. Die KI-Gewinner sitzen nach wie vor überwiegend in der Software, etwa NVIDIA und die Magnificent Seven. Bei den IT-Services dagegen haben wir bislang kaum eindeutige KI-Gewinner gesehen.
Die Unternehmen, die zu kämpfen haben, etwa Endava, Globant, Grid Dynamics und Unisys, haben einiges gemeinsam. Erstens waren sie zuvor hoch bewertet. Manche wurden zum 40-Fachen des EBITDA gehandelt, und diese Multiples sind hart eingebrochen. Zweitens stehen ihre Geschäftsmodelle nun auf dem Prüfstand. Können sie ihre Wachstumsraten halten, wenn KI im Spiel ist? Tragen ihre Modelle noch? Investoren sind vorsichtiger geworden.
Zudem sind die Verlierer tendenziell große Unternehmen. Sie sind weniger wendig und langsamer im Kurswechsel. Die Gewinner hingegen sind kleiner und können schneller reagieren. Ein einziger Verteidigungsauftrag oder ein Cybersecurity-Projekt kann ihr Wachstum spürbar prägen.
Auch geografisch verschiebt sich das Bild. Früher dominierten die USA, doch inzwischen sehen wir Gewinner über verschiedene Regionen hinweg. Die alte Bewertungslücke zwischen US-notierten und mitteleuropäisch notierten Unternehmen, die einst das Drei- bis Vierfache betrug, ist verschwunden. Die Verhältnisse sind heute ausgewogener.
Am schnellsten wachsende IT-Services-Segmente im KI-Zeitalter
Wir haben LinkedIn-Daten ausgewertet, um die Unternehmen mit dem stärksten Personalwachstum im vergangenen Jahr zu finden, das wir als Näherungswert für das Umsatzwachstum nehmen. Am schnellsten wuchsen jene, die in KI, Machine Learning, Datenplattformen, Analytics und Cybersecurity tätig sind. Manche betreiben etwas Marketing-Kosmetik und geben sich als KI-Firmen aus, doch die dahinterliegende Nachfrage ist echt.
Wachstum sahen wir auch bei Cloud-Infrastrukturdiensten, etwa bei AWS- und Azure-Migrationen, sowie bei einem Teil des Rechenzentrumsbetriebs. Der Trend ist weiterhin stark, wenn auch ohne zusätzliche Beschleunigung. Und Spezialisten für Unternehmensplattformen, also Firmen mit Fokus auf SAP, Salesforce und Ähnliches, wachsen weiter, oft indem sie anderen Marktanteile abnehmen.
IT-Services-Bewertungen im KI-Zeitalter
Marcin Majewski:
Nun zu den Bewertungen. Der durchschnittliche EV/EBITDA-Multiple in unserem Index liegt seit Jahren bei rund 10x. Auf den ersten Blick wirkt das stabil. Doch die EBITDA-Margen sind seit COVID stetig gesunken und liegen heute wieder auf dem Niveau von 2018. Das kann heißen, dass die Branche abgewertet wird, oder dass wir nach einer Boomphase schlicht zur Normalität zurückkehren.
Mein Eindruck ist, dass sich die Margen in diesem Bereich einpendeln. Der Markt justiert sich, und wir bewegen uns wohl zurück in das Band von 8 bis 10 Prozent EBITDA-Marge, das wir vor COVID gesehen haben.
IT-Services ist ein sehr wettbewerbsintensives Feld. Die Margen stehen unter Druck, und die Höchststände der COVID-Zeit werden wir kaum wiedersehen. Doch 10 Prozent sind vermutlich ein tragfähiges Niveau, ähnlich dem Durchschnitt des S&P.
Solange die Profitabilität hält, halten wir den 10x-EBITDA-Multiple für angemessen. Die Profitabilität bleibt der wichtigste Werttreiber. Sinken die Margen weiter, müssten wir die Lage neu bewerten.
Wir haben zudem das Umsatzwachstum je Quartal im Jahresvergleich verfolgt. Der langfristige Trend zeigt klar eine Verlangsamung. Die Branche reift. Sie ist groß und kann nicht ewig im gleichen Tempo weiterwachsen. Die große Frage lautet nun: Was kommt als Nächstes?
Es gab eine Abschwächung, ausgelöst durch die Unsicherheit rund um Zölle und Ereignisse in den USA, darunter Lockdowns. Dazu kamen Kürzungen der öffentlichen Ausgaben für IT-Services in den USA. Doch ich denke, das liegt nun hinter uns. Von hier aus sollte es aufwärtsgehen.
Filip Drazdou:
Auch wenn das Umsatzwachstum nachlassen und die Margen sich verengen mögen, sehen wir zugleich Verschiebungen bei den EV/EBITDA-Multiples nach Region. Indiens Multiples sinken weiter. Vor sechs Monaten lagen sie bei etwa 20, heute bei rund 16 bis 16,5 mal EBITDA. Sie könnten weiter fallen. Die indischen Märkte folgen tendenziell eigenen Regeln, doch die Unternehmen werden definitiv neu bewertet.
Europäische Unternehmen haben unterdessen nordamerikanische Firmen in der Bewertung überholt, nicht weil Europa boomt, sondern weil Nordamerika nachgibt. Grund dafür sind geringere Bundesausgaben und Probleme bei großen US-amerikanischen Outsourcern, die überwiegend US-Kunden bedienen und dabei aus Lateinamerika oder Europa offshore liefern. Sie haben zu kämpfen.
Die Unternehmen reagieren auf drei Weisen. Erstens gibt es eine leise, aber stetige Verlagerung nach Indien. Die Geschäftsberichte von EPAM etwa zeigen weiteres Wachstum in Indien, während andere Regionen stagnieren oder zurückgehen. Viele Firmen gehen ähnlich vor, um den Margendruck über Indiens niedrigere Kosten abzufedern.
Zweitens beobachten wir Personalabbau. In diesem Jahr haben viele große IT-Services-Firmen Entlassungen und einen Rückgang der Belegschaft eingeleitet. Es geht nicht nur um geografische Verlagerung, sondern auch darum, mit weniger mehr zu leisten. KI spielt dabei eine Rolle, vor allem, weil sie den Bedarf an Junior-Rollen senkt, die sich leichter automatisieren lassen.
Drittens rollt eine Konsolidierungswelle. Wenn die Margen fallen, zieht die M&A-Aktivität an. Unternehmen fusionieren, um operative und administrative Kosten zu senken. Private-Equity-Fonds zeigen wachsendes Interesse und sehen in angeschlagenen Firmen Chancen für einen Turnaround. Wir rechnen in den kommenden Jahren mit weiteren großen M&A-Deals, manche Firmen könnten sogar von der Börse gehen.
Wie können IT-Services-Unternehmen KI nutzen
Marcin Majewski:
Wir haben viel über die Zukunft der IT-Services nachgedacht. Verschwindet dieser Sektor durch KI? Unser Fazit: so bald nicht, wenn überhaupt jemals. Das ist beruhigend und herausfordernd zugleich.
Das Geschäft verändert sich ohne Zweifel. Aus jüngsten Gesprächen haben wir Erkenntnisse gesammelt und herausgearbeitet, was funktioniert. Geordnet haben wir sie nach der Größe der Chance, in Form einer Pyramide.
An der Spitze stehen kleinere, aber strategische Schritte. Viele Unternehmen sind offen dafür, mit KI zu experimentieren, auch wenn 95 % dieser Vorhaben keinen ROI bringen. Das ist in Ordnung, Experimente tun das oft nicht. Doch diese kleinen Projekte sind hervorragende Türöffner. Über sie kommen Anbieter auf die Liste zugelassener Lieferanten, verkaufen ein Einstiegsprojekt und knüpfen engere Beziehungen. Solche Initiativen werden häufig auf C-Level mitgetragen, was zu Gesprächen auf hoher Ebene und Einblicken in die weiteren Bedürfnisse des Kunden führt.
Als Nächstes sehen wir, dass KI die Effizienz in der Delivery steigert. Entwickler, die KI-Tools nutzen, sind Berichten zufolge zwei- bis dreimal produktiver, und dasselbe gilt für den Support im Contact Center. Das ist ein starker Hebel für die Profitabilität. Firmen, die das gut umsetzen, werden florieren. Wer sich dem Wandel verschließt, wird es schwer haben. Heute ist es vielleicht noch keine riesige Chance, mittelfristig aber wird es stark ins Gewicht fallen.
Zuletzt, und am wichtigsten, kommen die Daten. Daten sind das Fundament jeder KI. Ohne saubere, hochwertige Daten funktioniert KI schlicht nicht. Investoren wie Kunden setzen hier klare Priorität. Unternehmen, die auf Daten spezialisiert sind, verzeichnen eine starke Nachfrage. Wer die Daten eines Kunden gut im Griff hat, wird schwer ersetzbar. Und es ebnet den Weg für weitere Aufträge beim selben Kunden.
Den Kunden wird das zunehmend bewusst. Selbst für etwas so Einfaches wie einen Chatbot müssen Sie wissen, woher Ihre Daten kommen und wie sich die KI trainieren und verbessern lässt. Das setzt robuste Datensysteme voraus. Hier gilt das Prinzip „Garbage in, garbage out“.
Wenn KI anfängt, Code zu schreiben: Die neue Rolle des Entwicklers
Marcin Majewski:
Ja, der Elefant im Raum: Wo steht die KI gerade? Das Diagramm, das wir hier sehen, zeigt, wie KI-Modelle bei der Lösung von Softwareentwicklungsproblemen vorankommen. Es ist nicht ganz exponentielles Wachstum, doch das Tempo der Fortschritte ist beeindruckend. Zudem nähern sich die führenden Modelle verschiedener Anbieter einander an, was uns zeigt: Das passiert wirklich.
Ich denke, wir sind uns einig, dass Menschen nicht auf ewig alles programmieren werden. Zugleich glaube ich aber, dass immer ein Mensch mit im Spiel sein muss. Maschinen erfassen die Komplexität der realen Welt, die menschliche Psychologie und die Erfahrung schlicht nicht. Es wird stets ein Rest Unerklärliches bleiben, das Maschinen nicht nachbilden können.
Daraus erwachsen fortlaufend Chancen, für Menschen und für IT-Services-Unternehmen. Solange Unternehmen in IT investieren, wird KI nicht das ganze Budget abschöpfen. Menschen werden weiterhin gebraucht, um echte Leistungen zu erbringen. Wenn überhaupt, hebt KI die Produktivität und gibt Kunden wie Dienstleistern mehr Spielraum für bessere Ergebnisse. Alle werden gefordert sein, auf höherem Niveau zu arbeiten.
Der Wettbewerb wird also zunehmen, doch das hebt zugleich die Standards auf ganzer Linie. Ich rechne damit, dass Qualität, Funktionsumfang und Vollständigkeit dessen, was IT-Services-Firmen liefern, zunehmen. Die Budgets dürften eher wachsen als schrumpfen. Der Zukunft der IT-Services sehen wir recht gelassen entgegen.
Allerdings erwarten wir einen Übergang, und leicht wird er nicht. Wer in der IT arbeitet, muss sich weiterqualifizieren, und das wird nicht jedem gelingen. Es wird also eine gewisse Fluktuation geben.
Doch die Rollen von Entwicklern und Beratern verschwinden nicht. Sie bringen die menschliche Perspektive ein, die KI nicht bieten kann: Nutzerbedürfnisse verstehen, ein Gespür dafür entwickeln, was funktioniert, Architekturentscheidungen treffen, Qualität prüfen und Fachwissen einbringen. Vertikales Wissen wird noch wertvoller.
Auch die Denkweise muss sich ändern. Die Ära monatelanger Projekte geht zu Ende. Mit Tools wie Lovable oder Replit erwarten Kunden schnellere Ergebnisse. Prototypen müssen zügiger entstehen.
Kreativität wird zum prägenden Merkmal von IT-Dienstleistern. Sie folgen nicht mehr bloß Spezifikationen. Sie gestalten die Zukunft ihrer Kunden mit, während KI die repetitiven Aufgaben übernimmt.
So sehe ich den Wandel, den KI in der Welt der IT-Services auslöst. Sie wird verändern, wie wir alle arbeiten. Und ja, der Übergang wird hart. Ich habe die Einschätzungen von Entwicklern gelesen, viele sind skeptisch und frustriert. Doch dieser Widerstand ist ein Grund, warum größere IT-Firmen zu kämpfen haben. Sie passen sich zu langsam an.
Wir werden also eine Wertverschiebung erleben, weg vom bloßen Schreiben großartigen Codes hin zu Soft Skills, dem Verständnis für die Geschäftsanforderungen und dem Liefern maßgeschneiderter, kreativer Lösungen. KI kann technisch perfekten Code schreiben, doch der bleibt meist generisch. Echter Wert entsteht aus Kreativität, Problemlösung und dem Wissen darum, was Menschen tatsächlich wollen.
Wir steuern auf Veränderung zu, und es könnte auch regionale Verschiebungen geben. Länder, die einst im Engineering führten, könnten von jenen überholt werden, die bei den Soft Skills stärker sind.
Das schafft Chancen. Jemand muss diese Systeme aufbauen, warten und anpassen. Für Software ist KI die größere Bedrohung als für Services, weil sie das Entwickeln so leicht macht. Doch genau das eröffnet Dienstleistern die Chance, mehr zu tun, und es besser zu tun.
Marcin Majewski:
Zusammengefasst: Wir halten den IT-Services-Markt nach wie vor für stark. Er passt sich rasch an, Unternehmen verlagern in kostengünstigere Regionen, straffen ihre Größe und konsolidieren. Wer über starke technische Fähigkeiten und ein gutes Kundenverständnis verfügt, floriert. Generalisten haben es schwer.
Es gibt eine klare Erfolgsstrategie: Konzentrieren Sie sich auf komplexe Arbeit, die tiefe Expertise verlangt, und bleiben Sie nah an Ihren Kunden. Spezialisierte Firmen behaupten sich gut, während generische Anbieter Federn lassen.

